8. Welche Besonderheiten gilt es aus analytischer Sicht zu berücksichtigen?

 

8.1. Kann ein unbemerkter Konsum von Mohn in Mehrkornprodukten zu einem Opiatnachweis im Urin führen und wie kann verfahren werden?

 

Auf dem 11. Gemeinsamen Symposiums der DGVM und DGVP in St. Gallen (Workshop 3) wurde über das wieder vermehrt auftretende Problem positiver Opiatnachweise in Urinproben aufgrund von unbemerktem Mohnkonsum diskutiert. In Fällen ohne Opioidvorgeschichte kann künftig wie folgt vorgegangen werden: Nach Erhalt eines positiven Urinbefundes auf Opiate (Morphin), der angezweifelt wird, kann auf Kosten des Klienten eine polytoxikologische Haaranalyse gem. CTU-Kriterien durchgeführt werden, die den Zeitraum der positiven Urinkontrolle abzubilden hat (Probennahme 4 Wochen nach Urinkontrolle wird empfohlen).  Da Haaranalysen bei Opiaten bei geringfügigem Mohnkonsum zu keinem positiven Befund führen würden, kann hier als Ausnahmeregelung bei unauffälligem Haarbefund ein Urinkontrollprogramm dann doch weitergeführt werden, sofern sich nicht andere Verdachtsmomente auf einen Opiatkonsum ergeben. Durch einen Nachweis von 6-Monoacetylmorphin in Haaren könnte anders sogar der Beweis für einen Heroinkonsum erbracht werden. Dass ein negativer Haarbefund einen positiven Urinbefund aufhebt, gilt grundsätzlich nur bei dieser Konstellation!

 

 

8.2 Gibt es Cutoff-Werte oder Mindestanforderungen an die Bestimmungsgrenze für

Blutuntersuchungen zur Nüchternheitskontrolle am Untersuchungstag?

 

Zum Beleg der Nüchternheit am Tag der Begutachtung führen die Beurteilungskriterien neben der Urinkontrolle auch die Möglichkeit der Blutuntersuchung auf, ohne jedoch Mindestanforderungen an die Bestimmungsgrenzen für die Nachweise zu nennen. Es ist angemessen, sich hier an den forensischen Grenzwerten bei der Blutanalyse nach § 24a StVG und bei den Arzneimittelwirkstoffen an die unteren therapeutischen Konzentrationsbereiche zu orientieren.

 

8.3 Wie ist bei einer Urinkontrolle zum Beleg einer Nüchternheit am Untersuchungstag zu verfahren, wenn ein Kreatinin-Wert unterhalb von 20 mg/dl ermittelt wird?

 

Der Grund für eine chemisch-toxikologische Analyse am Untersuchungstag liegt darin zu belegen, dass alle Teste in nüchternem Zustand vorgenommen wurden, was am besten mittels einer Blutprobe erbracht wird (Nachweis einer akuten Wirkung). Ein positiver Urinbefund würde aber zumindest einen Konsum belegen, wenngleich damit nicht zwingend eine akute Intoxikation bewiesen werden könnte. Da aber positive Urinbefunde schon kurz nach einem akuten Konsum zu erwarten sind, wäre auch eine Aufnahme von Fremdsubstanzen kurz vor der Untersuchung mit erfasst. Bei einem Kreatininwert < 20mg/dL (erreicht durch Aufnahme großer Flüssigkeitsmengen zur endogenen Verdünnung) reicht eine immunchemische Überprüfung aufgrund fehlender Sensitivität nicht mehr aus. Werden aber mittels chromatographischer Verfahren (GC/MS oder LC-MS/MS) unauffällige Befunde erhalten, wäre dies als Nüchternheitsbeleg geeignet. Gerade bei akuten Intoxíkationen wären nämlich höhere Konzentrationen von Fremdsubstanzen zu erwarten. Bei Keatinin-Werten unter 10 mg/dl oder ganz sicher unter 5 mg/dl muss man dagegen von einer Manipulation ausgehen.

 

8.4 Belegt die Abwesenheit von EtS bei positivem EtG-Befund im Urin eine artifizielle ex-vivo-Bildung von EtG?

 

Auf dem 12. Gemeinsamen Symposiums der DGVM und DGVP in Rostock (Workshop 5) wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit bei einem positiven EtG-Befund und unauffälligem EtS-Befund Im Urin von einer Plausibilität ausgegangen werden könne bzw. wie u.U. eine Entlastungsdiagnostik zu bewerkstelligen sei. In der Regel erwartet man im Urin nach einer Alkoholbelastung nämlich sowohl EtG als auch EtS im Urin, aus verschiedenen Gründen ist EtS als potentieller Alkoholmarker aber nicht weiter verfolgt worden, wird z.T. in Laboren im Rahmen einer Plausibilitätskontrolle aber noch mitbestimmt. In der Literatur ist für EtS ein Cut-off-Wert im Urin von 50 ng/ml empfohlen. Anzumerken ist, dass auch in klinischen Studien nach Alkoholkonsum 4,3% der Urinproben nur EtG-positiv waren. Grundsätzlich gilt, dass eine positive Urinprobe nicht durch eine negative Haarprobe aufgehoben werden kann. Insofern kann auch kein positiver EtG-Befund im Urin durch eine negative Haaranalyse  revidiert werden. Eine artifizielle EtG-Bildung ist per se möglich bei Anwesenheit von Zucker (z.B. nicht behandelte Diabetes) und fermentativen sowie glucuronidierenden Mikroorganismen. Denkbar für eine Entlastungsdiagnostik wäre demnach Folgendes in entsprechender Reihenfolge:

  1. Glukosebestimmung im Urin

  2. Ethanolbestimmung im Urin

  3. Mikrobiologie im Urin (Nachweis fermentativer Mikroorganismen)

  4. Mikrobiologie im Urin (Nachweis glucuronidierender Mikroorganismen).